Der Dokfilm »Citizen Juling« ist eine Reise durch den thailändischen Bürgerkrieg


10.02.2009 / Feuilleton / Seite 13
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Fragen gegen Schweigen: Der Dokfilm »Citizen Juling« ist eine Reise durch den thailändischen Bürgerkrieg
Grit Lemke 


Thailand im Frühjahr 2006: Die junge Kunsterzieherin Juling aus dem buddhistischen Norden des Landes wird in einer Dorfschule im islamischen Süden von einer enthemmten Menge – hauptsächlich Müttern – brutal zusammengeschlagen und in einer Blutlache liegen gelassen. Ihr Schicksal erschüttert das Land, das sich auf dem Höhepunkt einer kollektiven Hysterie befindet: Der vierjährige Konflikt zwischen Separatisten und Regierungstruppen hat mehr als 3 000 Todesopfer gefordert, Gewalt – besonders häufig gegen Lehrer –, Auftragsmorde und Unruhen sind an der Tagesordnung. Die Weltöffentlichkeit, der Thailand gern als Urlaubsparadies verkauft wird, nimmt davon keinerlei Notiz, und eine rigide einheimische Zensurbehörde verhindert eine kritische Aufarbeitung im Land. Juling, die bis zu ihrem qualvollen Tod über Monate im Koma liegt, wird als »sleeping beauty« in einer von alltäglichen Schreckensbildern abgestumpften Gesellschaft zum Symbol des Konflikts, das die Kämpfe zudem neu anheizt.


»Citizen Juling«, gedreht während der letzten vier Monate der Gewaltherrschaft von Thaksin Shinawatra (bezeichnenderweise besser bekannt als Eigentümer des Fußballvereins Manchester City), fragt nach Hintergründen und Ursachen des Bürgerkriegs und bleibt dabei zwar mäandernd, aber eng an der Geschichte von Juling. Schon die Konstellation ist dabei ungewöhnlich: Der spontan und mit wenig Aufwand entstandene Film folgt dem Politiker und Menschenrechtsaktivisten Kraisak Choonhavan auf einer Reise durch das tief gespaltene Land. Von den surrealen Jubelfeiern anläßlich des Krönungsjubiläums des Königs, in das Heimatdorf Julings, bis tief in den Süden an den Ort des Verbrechens. Er trifft Familie, Wegbegleiter und Freunde der jungen Frau ebenso wie ihre potentiellen Mörder. Er redet mit den Angehörigen von Opfern anderer Greueltaten, mit Senatoren und Künstlern, mit religiösen Würdenträgern, Richtern, Lehrern und Schülern. Mit jeder neuen Sequenz scheint sich das Gestrüpp aus Vorurteilen, Haß und Gewalt zu verdichten statt durchlässiger zu werden. Hier wird nichts aufgearbeitet, hier schweigt man aus Angst oder Gleichgültigkeit, hier bleibt immer alles offen und so ein Boden für den schwelenden Flächenbrand.


Über manchmal quälende dreieinhalb Stunden bemüht sich das im Cinema-verité-Stil gedrehte spröde Werk, allen beteiligten Seiten gerecht zu werden, Menschen nicht auf ihre Aussagen zu reduzieren, in ihre Gesichter zu sehen und sie in ihren Gesten und Handlungen zu verstehen. Ein anstrengendes, aber am Ende lohnendes Unterfangen. In der Begleitung von Choonhavan erschließt sich, wie Menschenrechtsarbeit funktioniert: Sie beginnt oft mit simplen Fragen, die niemand anders zu stellen wagt.


So wie das dreiköpfige Drehteam im Süden auf Sprachbarrieren und eine fremde Kultur im eigenen Land stieß, kollidiert der Film mit unseren Sehkonventionen. Mitunter wirken die Art, wie Juling zur Märtyrerin stilisiert wird, oder die arabesk ausufernden Konversationen irritierend. Auch ist für uns eher schwer vorstellbar, wieviel Mut das Werk allen Beteiligten abverlangt hat. Ganz abgesehen von konkreter physischer Bedrohung während der Dreharbeiten gilt es in Thailand als geradezu undenkbar, an der heiligen Dreieinigkeit von Nation, Religion und König zu rühren. Der Film tut es mit Nachdruck.


Am Ende steht Senator Kraisak traurig inmitten einer jubelnden Menge, die im Militärputsch ein neues Heilsversprechen sieht. Er wird zum putzigen Maskottchen, mit dem man sich vor dem Panzer ablichten läßt. Von Juling redet keiner mehr.


 * »Citizen Juling«, Regie: Kraisak Choonhavan, Manit Sriwanichpoom, Ing K, Thailand 2008, 222 Minuten, heize, 12.2., 14.2. 

 http://www.jungewelt.de/2009/02-10/050.php